Preisträger Land der Ideen

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"Straubinger Modell" -
ein Preisträger des Wettbewerbes
"Ideen für die Bildungsrepublik" der Initiative "Deutschland - Land der Ideen"

Das „Straubinger Modell“ hat bisher nicht nur an elf anderen bayerischen Standorten als sogenannte Berufsorientierungsklasse Nachahmung gefunden. Jetzt erfährt es auch bundesweit Anerkennung. Beim Wettbewerb „Ideen für die Bildungsrepublik“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung konnte sich die unorthodoxe Kooperation von Mittelschule und Berufsschule, eine Initiative von Staatlichem Schulamt und Fraunhofer-Berufsschule I, unter 1300 Bewerbern durchsetzen. 52 beispielhafte Projekte wurden ideell ausgezeichnet, die sich „in herausragender Weise für Bildungsgerechtigkeit bei Kindern und Jugendlichen engagieren“.


 

Bild_Preisverleihung

Freuen sich über die Auszeichnung: Schüler des„Straubinger Modells“ 2011/12 mit (v.l.) Schulleiter Oberstudiendirektor Johann Dilger, Sozialpädagogin Eva Renner und (v.r.) Studienrat Guido Haimerl, Mitarbeiterin der Schulleitung OStRin Ute Hentschirsch-Gall, Schulamtsdirektor Johannes Müller und Hauptschullehrer Thorsten Fuchs

Der Grundgedanke des „Straubinger Modells“ ist schnörkellos überzeugend: Kein Jugendlicher soll verlorengehen. Jeder soll einen Schulabschluss haben. Und jeder hat eine zweite Chance verdient. Schulamtsdirektor Johannes Müller und Oberstudiendirektor Johann Dilger, Leiter der Fraunhofer-Berufsschule I, haben mit einem hochengagierten Team und der mittlerweile vierten Schüler-„Generation“ ihre Initiative in die Tat umgesetzt. Sie hatten das ewige Lamentieren über nicht ausbildungsfähige Jugendliche satt, bekennen beide. Stattdessen haben sie einen Weg gesucht und gefunden, um Jugendlichen, „die oft einen Rucksack voll persönlicher Probleme mitschleppen“, zur Seite zu stehen, um ausbildungsreif zu werden. Binnen eines Jahres kommen im „Straubinger Modell“ Jugendliche ohne Abschluss dank ausgeklügelt kombinierten Mittelschul- und Berufsschulunterrichts sowie sozialpädagogischer Betreuung idealerweise zu einem Abschluss und als Folge zu einer beruflichen Perspektive. Kombiniert werden dazu laut Hauptschullehrer Thorsten Fuchs pro Woche ein Tag Berufsschul- und zwei Tage Hauptschulunterricht sowie zwei Tage Praktikum in einem Betrieb. Der Praktikumsbetrieb wechsle alle sechs Wochen, erklärt Sozialpädagogin Eva Renner. Qualifizierung und Berufsorientierung gehen dabei Hand in Hand, erklärt Berufsschullehrer Guido Haimerl. „Das sorgt für die doppelte Chance auf Ausbildung.“ Der Unterricht erfolgt an der Berufsschule I. Auch das sei aufgrund Ortswechsels und anderen sozialen Status ein Motivationsschub für die Schüler. „Das, was hinten rauskommt“, zählt bekanntlich, sagt Schulamtsdirektor Johannes Müller. Und das kann sich sehen lassen. Im ersten Jahrgang 2008/09 fanden im Anschluss 91 Prozent eine Lehrstelle oder schulische Ausbildung, letztes Schuljahr sogar 92 Prozent. 32 von 37 Schülern schafften es, sich zu verbessern. Am Anfang des Schuljahres hatten acht einen Quali, am Schluss waren es 23. 14 hatten anfangs gar keinen Abschluss, am Ende waren es nur noch zwei.

Hürden genommen

Das „Straubinger Modell“ habe an der Schnittstelle angesetzt zwischen Mittelschule, die Ausbildungsreife vermittle, und Berufsschule, die Berufsreife vermittle, sagt Johann Dilger. Leicht war dies nicht umzusetzen, erinnert sich Johannes Müller an Überzeugungsarbeit bei der Regierung von Niederbayern und dem rasch sehr aufgeschlossenen Kultusministerium. Man habe zusätzliches Fördergeld gebraucht und nebenbei sei es mehr als ungewöhnlich, dass Mittel- und Berufsschullehrer an einer Schule unterrichten. Um so mehr freuen sich die Initiatoren, die Lehrer, die Sozialpädagogin und die Organisatorin des Ganzen, Ute Hentschirsch-Gall, über die jetzige Auszeichnung. Bildungsgerechtigkeit, enge Vernetzung von Institutionen, Vorbildcharakter für andere und Nachhaltigkeit waren die Kriterien, die das Projekt laut Hauptschullehrer Thorsten Fuchs in den Augen der Jury erfüllt hat. Gebührend gefeiert wird die Auszeichnung erst bei der Abschlussfeier des aktuellen Jahrgangs „Straubinger Modell“ im Juli im Rathaussaal. Mittlerweile habe sich die wirtschaftliche Situation verändert, die Demographie mache sich obendrein bemerkbar. Es gebe jetzt sogar unbesetzte Lehrstellen, sagt Dilger. Den Schluss, dass es damit auch keine Jugendlichen mehr ohne Lehrstelle gibt, könne man daraus nicht ziehen. Jugendliche in Maßnahmen wie an der Berufsschule treten in der Statistik der Arbeitsagentur nur nicht in Erscheinung. 2012 läuft der Modellversuch aus, das Kultusministerium habe aber schon signalisiert, dass das Projekt weitergehen kann, sagt Thorsten Fuchs. Eigentlich wünsche er sich, dass das Straubinger Modell einmal überflüssig wird, meint Johann Dilger, aber die Anforderungen in der Berufsausbildung stiegen und Jugendliche mit persönlichen Problemen werde es wohl weitergeben. „Wir wollen und können auf keinen Jugendlichen verzichten.“
(Text: Straubinger Tagblatt vom 10.11.2011)

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